Teil 3: Der weibliche Zyklus oder die Diabetes-Achterbahnfahrt

Blue November-Reihe: Diabetes und Frauen

Einführung

Teil 1: Diabetes und der weibliche Körper

Teil 2: Die gynäkologische Vorsorge bei Diabetes

Teil 3: Der weibliche Zyklus oder die Diabetes-Achterbahnfahrt

Teil 4: PCO und Diabetes – eine besondere Verbindung

Teil 5: Diabetes und Verhütung

Der weibliche Zyklus sorgt bei den Blutzuckerwerten jeden Monat für eine Achterbahnfahrt. Wer sich in diesem Artikel dafür eine Lösung erhofft, wird enttäuscht. Denn es gibt kein Patentrezept, da es zu viele Variablen gibt, die sehr individuell sind. Bei Instagram fragte ich vor ein paar Monaten, ob man am Tag vor dem Einsetzen der Menstruationsblutung eher zu hohen oder eher zu niedrigen Werten neigt. Es ist mit knapp 50 Teilnehmerinnen keine repräsentative Umfrage. Aber 75% waren im „Team Hyper“ und 25% im „Team Hypo“. Und da fangen die Unterschiede erst an.

Der Zyklus – in der Theorie

Vorab wieder etwas Allgemeinwissen. Der weibliche Körper durchläuft jeden Monat einen hormonellen Zyklus. Diese Hormone sorgen dafür, dass sich im Uterus (Gebärmutter) Schleimhaut bildet, ein Ei heranreift und beides bei ausbleibender Befruchtung abgestoßen wird. Der Zyklus kann dabei 20-35 Tage dauern. In der Regel spricht man von durchschnittlich 28 Tagen. Sollte der Zyklus unter 20 Tagen oder über 35 Tagen liegen, ist es ratsam mit einer Ärzt:in Rücksprache zu halten. Ebenso sollte man medizinischen Rat suchen, wenn bis zum 16. Lebensjahr noch keine Menstruationsblutung stattgefunden hat. Bei Menschen mit Diabetes ist das ganze System zusätzlich durch das fehlende Hormon Insulin beeinflusst. Das hat Einfluss auf den Zyklus, aber ebenso hat der Zyklus Einfluss auf den Diabetes. Bei jeder Frau äußert sich das aber anders und in einer anderen Intensität.

Kleiner Exkurs:

Vor ein paar Jahren landeten zwei Schülerinnen bei Jugend forscht auf den vorderen Plätzen, weil sie den weiblichen Zyklus bei Menschen mit Diabetes in einer sehr komplizierten mathematischen Formel zusammengefasst haben (mehr dazu hier). Diese Formel ist unter nicht wissenschaftlichen Bedingungen, aber unter erstaunlich gut eingehaltenen wissenschaftlichen Methoden entstanden (u.a. haben die Schülerinnen Datenerhebungen mit Probandinnen gemacht). Das hat viele beeindruckende und kluge Ansätze hervorgebracht, die sicherlich weiterverfolgt werden.

Die Grafik zeigt einen weiblichen Zyklus von 27 Tagen.
(Grafik: KMT)

Wie berechnet man den Zyklus?

Tag 1 ist der Tag, an dem die Periode einsetzt. Die Periode dauert durchschnittlich 3-5 Tage. Das ist der Zeitraum, in dem die unbefruchtete Eizelle und die Schleimhaut in der Gebärmutter abgestoßen werden. Rein statistisch ist das nächste Ei dann am 13. Bis zum 16. Tag „verfügbar“. Da Spermien aber durchaus längere Zeit in der Gebärmutter überleben können, ist ungeschützter Geschlechtsverkehr schon mindestens drei Tage vor dem nächsten Eisprung ein Akt, der zur Befruchtung führen kann. Kurz vor und in dieser fruchtbaren Phase sorgen die Hormone auch für das beste Körpergefühl und Wohlbefinden. Viele Frauen mit Diabetes zeigen hier einen niedrigeren Insulinbedarf und der Diabetes scheint leichter zu managen zu sein. Das Östrogen ist dann am höchsten, fällt aber dann auch schnell wieder ab. Die sogenannte Transformation beginnt. Dann steigt das Progesteron ordentlich an. Dieses Hormon hat zwei Funktionen: gäbe es ein befruchtetes Ei, würde es diesem bei der Einnistung helfen. Progesteron sorgt dafür, dass die Gebärmutterschleimhaut nochmals vermehrt wird. Es verhindert außerdem weitere Eireifungen, wenn eine Befruchtung stattgefunden hat. Kommt es nicht zu einer Befruchtung, vermindert sich die Progesteronproduktion wieder und die Gebärmutterschleimhaut wird abgestoßen und ausgeschieden. Wenn das passiert, setzt die Blutung ein und der Zyklus ist wieder am Tag 1. Übrigens schätzen viele Frauen die Menge des Blutverlustes viel zu hoch ein. Durchschnittlich verliert eine Frau ca. 40-50 ml Blut pro Periode.

Tipp:

Ich kann nichts zum Thema Schwangerschaft und Typ 1 Diabetes beitragen. Ich möchte aber auf den YouTube-Kanal Diabeteswelt von Kathi aufmerksam machen, die viel zu dem Thema erklärt.

Ganz besonders freut es mich, dass auch Lisa eine Reihe zu Schwangerschaft und Typ 1 Diabetes gestartet hat, denn im Hause Lisabetes hat sich Nachwuchs angekündigt.

Hormone, Hormone, Hormone

Es ist nicht nur ein Klischee, dass Frauen starken Hormonschwankungen unterworfen sind. Das, was oft belächelt wird, ist eine biochemische Tatsache, die es in sich hat. Neben den weiblichen Hormonen Östrogen und Progesteron, wirkt vor allem auch Serotonin. Dabei handelt es sich um ein Gewebshormon und Neurotransmitter (= übermittelt Informationen im Nervensystem). Das Serotonin hat Einfluss auf Herzschlag, Blutdruck, Magen-Darm-Tätigkeit, Blutgerinnung, Hautreinheit, Entzündungen und allgemein auf das zentrale Nervensystem. Zusätzlich steht dieses Hormon auch im engen Zusammenhang mit Migräne und Depressionen. Ein hoher Serotoninspiegel während der fruchtbaren Tage sorgt zusammen mit dem Östrogen dafür, dass wir uns gut, attraktiv, stark, energiegeladen fühlen. Schließlich ist das der Zeitraum, wo die Evolution die Wahrscheinlichkeit für eine Befruchtung schaffen möchte.

Diese Grafik zeigt zusätzlich den Verlauf des Hormons Serotonin.
(Grafik: https://de.cleanpng.com/png-aysjcj/)

Was bedeutet das Hormon Serotonin für den weiblichen Körper?

Im Laufe eines Zyklus haben wir Kreislaufprobleme, an manchen Tagen die biochemische Grundlage für Depressionen und zusätzlich Migräne, die sich meist auch mit denselben Symptomen äußern, unsere Blutgerinnung verändert sich deutlich und es kommt bei vielen zu erheblichen Magen-Darm-Problemen, die zu Erbrechen und Durchfällen führen können. Ich reagiere sehr stark mit Magen-Darm-Problemen und dachte jahrelang, dass ich damit allein wäre. Hier kommt zusammen, dass es gesellschaftlich verpönt ist über die Periode zu reden und ebenso über Verdauung. Dabei ist es eine der häufigsten Begleiterscheinungen, die viele Frauen betrifft. Die Hormonschwankungen sind teilweise so extrem, dass es den Körper biochemisch einmal auf den Kopf stellt. Die Begleiterscheinungen haben zusätzlich Einfluss auf unseren Diabetes. Mir ist an einem Tag so schlecht, dass ich nichts essen kann und am nächsten Tag ist keine Schokolade vor mir sicher. Dieses Szenario habe ich etwa 3 Tage vor einsetzen meiner Periode. Manchmal reicht dann auch mein Basalinsulin aus, um die Kohlenhydrate der Schokolade komplett abzudecken. Ich rede dabei von einer Basalrate, die 25 Tage lang nahezu optimal verläuft und nur kurz vor meiner Periode in die Tonne gekloppt werden kann.

Das Protohormon Insulin

In diesem sehr abwechslungsreichen Hormonzyklus fehlt Menschen mit Diabetes ein weiteres Hormon: das Insulin. So sehr wir uns auch bemühen und so gut mittlerweile die Technik allgemein oder die Loop-Systeme im Besonderen sind, wir können nicht genau das nachspielen, was ein Körper mit gesunder Bauchspeicheldrüse vollbringen würde. Es wird noch komplizierter, wenn man sich wieder auf die Serotoninschwankungen besinnt. Ein veränderter Herzschlag und veränderter Blutdruck verbrauchen auch unterschiedliche Mengen an Energie. Man kennt es durch Sport oder den Sommer, dass man das Gefühl hat, dass sich die Insulinintensität ändert. Das Insulin verändert sich nicht, sondern die Verstoffwechselung der Energie im Körper und deswegen wird dann weniger oder mehr Insulin benötigt. Dasselbe passiert auch im Zusammenhang mit dem Zyklus bei einem Menschen mit Diabetes. Der Zyklus ist praktisch ein sehr langgezogenes Intervalltraining. Nur weiß man leider nicht unbedingt, wann man entspannt geht und wann man bis zur Verausgabung rennt.

Ausfluss und Zyklus

Mangelhafte Aufklärung und zu wenig Austausch führen dazu, dass viele Frauen nicht wissen, dass es normal ist, einen Ausfluss zu haben und dass dieser sogar in manchen Fällen eine Bedeutung hat. Ein sehr zäher, weißer Ausfluss ist ein Indiz für die fruchtbaren Tage. Es ist der sogenannte Zervixschleim (Zervix/Cervix = Gebärmutterhals). Gerade bei der Kinderplanung kann es sinnvoll sein, sich mit diesem auseinanderzusetzen. Generell variiert auch die stärke des Ausflusses im Laufe des Zyklus. Solange der Ausfluss geruchslos ist oder ganz ganz leicht säuerlich (siehe Abschnitt zum pH-Wert) riecht und weiß-milchig bis klar ist, ist er vollkommen normal und gehört zum weiblichen Körper dazu.

pH-Wert – alles im Gleichgewicht?

Die unterschiedlichen Ausflussarten im Laufe des Zyklus gehören auch zum Selbstreinigungssystem der Vagina. Es ist nicht nötig, dass man sich „innen“ wäscht. Eine gründliche Reinigung mit Wasser und einer sensitiven pH-neutralen Seife der äußeren Flächen (was auch zwischen den Schamlippen meint, aber eben nicht in die Vagina hinein) reicht vollkommen aus. Zu viel Waschen oder mit zu aggressiven Seifen würde sogar schädlich sein und dann auch den Ausfluss verändern. Im Inneren unserer Vagina besteht ein empfindliches Gleichgewicht. Die sogenannte Scheidenflora ist immer chemisch gesehen „sauer“ und hat mit ca.  4,5 pH einen niedrigeren Wert als unsere Haut, die im Bereich von 5,5 pH liegt. Damit ist die Haut genau in der Mitte zwischen Sauer und Basisch – also ausgeglichen. Die Scheidenflora wird durch verschiedene „gute“ und körpereigene Bakterien bestimmt. Diese „guten“ Bakterien brauchen das leicht saure Umfeld, um sich gut zu fühlen und für eine gute Scheidenflora zu sorgen.

Blutzucker und „schlechte“ Bakterien

Hohe Blutzuckerwerte, insbesondere über einen längeren Zeitraum, können das empfindliche Gleichgewicht der Vagina stören und den pH-Wert negativ beeinflussen. Das liegt unter anderem an dem Einfluss, den hohe Blutzuckerwerte auf das Immunsystem haben. Dieses ist nämlich auch dafür zuständig, dass Eindringlinge im Intimbereich abgewehrt werden können. Anders herum erhalten die „schlechten“ Bakterien (also nicht die körpereigenen, sondern die, die Krankheiten verursachen) mehr Nahrung, wenn der Nierenschwellenwert (180 mg/dl) überschritten wird und der Körper die überschüssige Glukose versucht über den Urin loszuwerden. Das selbe Prinzip gilt auch bei Pilzen. Ebenso können Nervosität, Stress, seelische Belastungen diese normale Ausscheidung beeinflussen.

Immer zur Ärzt:in!

Sollte der Scheidenausfluss mal eine andere Farbe haben (bräunlich oder gelblich) und/oder anders riechen, dann geht bitte sofort zur Ärzt:in. Viele versuchen sich dann aus Scham selbst zu behandeln, waschen sich verstärkt oder holen sich Medikamente aus der Apotheke. Damit kann man sogar vieles verschlimmern. Leider kann man sich auf öffentlichen Toiletten, auch wenn man sich nicht hinsetzt (durch Wasserspritzer z.B.), Bakterien oder Pilze einfangen. Das kann jeder passieren und ist daher kein Grund zur Scham. Nur Fachpersonal kann hier schnell und richtig helfen. Es ist zudem im Hinterkopf zu behalten, dass Menschen mit Diabetes, die einen erhöhten HbA1c haben, oft auch eine Schwächung des Immunsystems aufzeigen. Sprich, man ist dann anfälliger für Infektionen, da das Immunsystem vielleicht nicht alles so abwehren kann, wie es das eigentlich sollte.

Zyklus und Diabetes beobachten

Ich nutze eine App, um meinen Zyklus im Blick zu haben. Das nimmt mir die Rechnerei ab. Gerade für Frauen mit Diabetes ist es empfehlenswert im Blick zu haben, an welchem Zyklustag man ist und wann der errechnete Eisprung stattfindet. Es kann Therapieentscheidungen massiv beeinflussen. Meiner Meinung nach lohnt es sich ein paar Monate Buch zu führen, wann der Insulinbedarf steigt und zu schauen, wo man sich im Zyklus befindet. Stellt man jeden Monat dasselbe Muster fest, kann man etwas sicherer darauf reagieren und Insulinmengen gezielter anpassen. Dazu muss man aber erst einmal Daten sammeln. Das ist etwas lästig und man muss genau sein, aber es lohnt sich. Eine App speziell für Diabetes und Zyklus kenne ich nicht, aber die meisten Apps haben Felder für Notizen, dort kann man seine Beobachtungen sammeln. Oder man macht es klassisch: man schreibt es auf.

(Bild: pixabay.com)

Das Schlussplädoyer

Es zählt nicht zu unseren Hormonschwankungen, wenn wir jemandem, der diese belächelt, den Hals umdrehen möchten. Das ist bei dem, was unser Körper mitmacht dann unser gutes Recht, wenn es manchen als Grundlage für schlechte Scherze dient. Aber durch gesellschaftliche Zwänge sind wir dazu erzogen uns möglichst nichts anmerken zu lassen. Wir sind trotz dieser extremen körperlichen und mentalen Belastung jeden Tag bei unseren Jobs. Schmerzen können uns plagen und dennoch erbringen wir dieselbe Leistung, wie jeder andere Mensch. Ich interpretiere das als Stärke und Leistungsfähigkeit. Mit Diabetes ist diese Leistung sogar noch größer, da wir nicht nur die Hormonschwankungen haben, sondern ein weiteres Hormon, das Insulin, vollkommen in Eigenregie ersetzen müssen. Ich persönlich würde mir wünschen, dass über die Menstruation und den Zyklus mehr gesprochen wird, damit Schweigen und Scham weniger werden, aber dafür mehr unsere Stärke sichtbar wird.


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