Ich habe Übergewicht!

Ich habe Übergewicht! Man sieht es. Das ist nichts, was ich verstecken kann. Aber ich rede nicht oft darüber, obwohl es Teil meines Lebens und meiner Gesundheit ist. Es ist auch eng verknüpft mit dem Thema Diabetes. Trotzdem weiß ich es geschickt zu umschiffen, mein Übergewicht zu sehr zu thematisieren. Etwas absurd, wenn man es doch sieht. Über meinen Diabetes oder meine chronische Urtikaria zu schreiben ist einfach. Warum? Weil ich mich nicht so sehr für diese schäme. So einfach ist das.

Adipositas ist manchmal eine ernste Erkrankung

Adipositas ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Es gibt die Wohlstandspfunde, die Menschen schon in den Bereich der Adipositas bringen. Der Genuss, den sich niemand verwehren sollte, kann eben auch Folgen haben. Adipositas ist in manchen Fällen gekoppelt an soziale Faktoren oder auch Bildung. Genetische Faktoren können eine große Rolle spielen. Es gibt Adipositas als Symptom für hormonelle Erkrankungen, aber auch als Symptom oder Folge psychischer Erkrankungen, die noch stigmatisierter sind als die Adipositas. Übergewicht ist nicht gleich Übergewicht. Die Gründe sind so facettenreich, aber nicht selten ist ein Problem Grund für eine Gewichtszunahme. Aber man ist NIE „einfach nur verfressen“ und es gibt auch keine Schuldfrage. Es gibt viele, die hier eine andere Meinung haben. Ich würde mir wünschen, dass Adipositas viel mehr als komplexe Erkrankung wahrgenommen wird. Das möchte ich nicht, um als krank zu gelten, sondern damit Ärzt:innen mehr Fragen stellen und adipöse Menschen einen besseren Zugang zu Hilfsangeboten haben, die individuell auf die zugeschnitten werden.

Mein Übergewicht

Mein Übergewicht entstand in der Grundschule. Oder ich müsste eher sagen in den Grundschulen. Ich habe nämlich innerhalb der ersten 2,5 Schuljahre mehrmals gewechselt. Grund hierfür waren mehrere familiäre Schicksalsschläge, für die niemand etwas kann. Hinter diesen Schicksalsschlägen stecken Verluste, Trennungen, Existenzängste, Wohnungsverlust und viele weitere Sachen, die in die Privatsphäre meiner Familie gehören. Als Kind keine Stabilität zu haben ist ein Trauma. Aber man sagt als 8-Jährige nicht „Och, ich glaube, ich sollte mal eine Traumatherapie machen.“ Es werden andere Mechanismen gesucht und bei mir war es das sogenannte emotionale Essen oder auch Stressessen. Viele Menschen kennen dieses Gefühl, dass man einfach mal zur Schokolade greifen möchte oder sich etwas großartiges zu essen gönnt, wenn der Tag scheiße war. Bei mir ist dieser Mechanismus ausgeprägter. Und ich hatte verdammt viele Scheißtage. Das habe ich wieder im vergangenen Jahr gemerkt, als ich auf der Arbeit große Probleme hatte, meine chronische Urtikaria sehr heftig war und ich Kortison nehmen musste. Kortison begünstigt eine Zunahme, ja. Aber dennoch musste ich für die 13kg, die ich in der Zeit zugenommen habe, auch entsprechend essen.

Foto: pixabay.com

Meine Diäten-Biographie

Mit 8 Jahren machte ich meine erste Diät. Sollte man mit 8 Jahren nicht andere Dinge im Kopf haben? Ich habe tagelang nur Ananas gegessen – bis mein Mund durch die Säure vollkommen kaputt war. Die Idee hatte ich von einer erwachsenen Person aus meinem Umfeld. Heute denke ich diesbezüglich nur noch: WTF! Es folgten verschiedene Diäten. Falls mir jemand mangelnde Disziplin vorwerfen möchte: Das ist wohl das seltenste Problem bei Adipositas. Übergewichtige Menschen haben meist in zig Diäten ihre Disziplin unter Beweis gestellt. Das ist nicht das Problem! Disziplin kann aber nicht die Lösung sein, wenn man Essen als Copingstrategie hat. Dadurch verwehrt man sich das bewältigen von Problemen und geißelt sich meist seelisch und körperlich in einem sehr extremen Maße.

Dann kam der Diabetes hinzu

Mit 12 Jahren (1996) bekam ich die Diagnose Diabetes Typ 2. Aufgrund meines Übergewichts presste man mich direkt in die Typ 2-Ecke und machte keinen Antikörpertest (den Blogbeitrag zu dieser medizinischen Fehlentscheidung findet ihr hier.) Dementsprechend folgten noch mehr Diäten, denn ich wollte gegen den Typ 2 ankämpfen. Ich nahm auch ab, aber meine Blutzuckerwerte verbesserten sich nicht. Heute weiß ich, dass ich weder Schuld hatte, noch etwas hätte ausrichten können, denn mir fehlte Insulin. Es war ein sehr fataler Fehler des damals behandelnden Arztes, der eigentlich als Koryphäe gilt. Ich kann bis heute nicht verstehen, dass kein Antikörpertest gemacht wurde. Es ist aber mein ältestes Beispiel für die Tatsache, dass Ärzt:innen bei einer Adipositas eine bestimmte Schublade aufgeht und man diese leider sofort schließt, ohne ein paar andere Schubladen auszuprobieren. Adipositas ist nicht nur eine Erkrankung ohne Behandlung, es ist auch eine Erkrankung, die zu Fehlbehandlungen führen kann – medizinisch und gesellschaftlich.

Die ersten medizinisch betreuten Diäten

Mit 14 Jahren nahm ich am sogenannten Maxi-Programm teil. Das war ein Konzept des Adipositaszentrums im Krankenhaus meiner Heimatstadt, das Kindern zwischen 8-12 Jahren Bewegung näherbringen und ihnen Wissen über Essen vermitteln wollte. Moment, ich war doch schon 14! Mein Wissen über gesundes Essen war noch nie das Problem. Aber als Teenager mit Kindern zusammen zu sein schon. Ich saß da mit meinen bunt gefärbten Haaren, meinem Punk-Outfit und war doch einfach zu cool für das alles. Es war eine Vollkatastrophe und der nächste ärztlich betreute Versuch sollte es ebenso werden. Mit 17 kam ich in das Opifast-Programm. Für das eine Konzept zu alt, für das nächste zu jung. Optifast ist eine Formulardiät bei der drei monatelang Shakes getrunken werden anstatt zu essen. Meine Mitstreiter waren 30 Jahre aufwärts und ich durfte mir in den Gruppensitzungen ihre Ehe- und auch Sexprobleme anhören. Hinzu kam, dass ich in der Wachstumsphase war und die Shakes meinem Körper nicht gut taten. Ich litt unter Haarausfall und meine Nägel wuchsen nicht mehr. Es gab einfach kein Programm, dass für Jugendliche, die Stressesser sind, konzipiert war. Ich passte nirgends hinein.

Erkrankung ohne Behandlung oder Behandlungen, die schaden

Heute weiß ich, dass beide medizinisch betreuten Abnehmversuche eine vollkommene Fehlentscheidung der beteiligten Erwachsenen waren. Es zeigt aber auch, wie schlecht das Angebot war und leider noch ist. Niemand fragte nach den Gründen für mein Essverhalten, niemand schaute mal familiär-psychologisch auf die Sache. Es gab viel zu viele Schuldzuweisungen in Sachen Diabetes. Ich machte dicht. Ich wollte nichts mehr von Abnahmen, Diabetes oder sonst etwas wissen. Das Vertrauen in medizinisches Fachpersonal hatte ich verloren, aber auch in mich selbst. Als ich 2003 von zu Hause auszog schaffte ich mir nicht einmal mehr eine Waage an. Das kam erst wieder 2008, nachdem ich begonnen hatte, mich wieder um mich selbst zu kümmern. Das war auch die Zeit, in der ich erstmals mühsam andere Strategien zur Stressbewältigung erlernte. Ich nahm 17 kg in dieser Zeit ab.

Warum schreibe ich nun doch über meine Adipositas?

In den letzten sechs Monaten ist viel passiert. Meine Adipositas ist wieder in den Fokus gerückt. Ich setze mich sehr stark mit ihr auseinander und mit der Insulinresistenz, denn das Übergewicht hat ebenso Folgen für meinen Diabetes. Ich hatte mich getraut, einige Postings zu Beleidigungen und Fatshaming zu machen. Viele private Nachrichten erreichten mich, die mich veranlassten mein bisheriges Schweigen und meine Scham in Frage zu stellen (jeder einzelnen Person danke ich hier nochmal für ihre Nachricht!).

Seit März befinde ich mich in dem sogenannten Multimodalen Programm, was einen auf eine bariatische Operation vorbereitet (Schlauchmagen, Magen-Bypass). Mir selbst fehlen Blogs und Informationen, die sich mit dem Weg dahin beschäftigen. Die Menschen fangen erst an zu bloggen, wenn die OP erfolgreich war. Im Zuge meiner Suche nach Austausch lernte ich Izzy auf Instagram kennen. Sie hat Diabetes Typ 1 und einen Magen-Bypass. Der Input, der Erfahrungsaustausch und die Unterstützung, die ich von ihr erhalten habe, sind jetzt schon unbezahlbar. Daher auch meine Instagram-Profilempfehlung: Izzy und Frau Hotz von Kotz!

Scham überwinden, sich dem Problem stellen

Ich muss mich persönlich weiter mit dem Thema Adipositas auseinandersetzen. Schreiben ist eins meiner Ventile – und in meiner aktuellen Situation ein weitaus besseres als Schokolade. Zusätzlich glaube ich, dass nicht nur ich mit der Adipositas hadere, nicht nur mir die medizinische Betreuung fehlt und wir zu wenig darüber sprechen. Allein das Thema Diabetes Typ 1 und Adipositas betrifft so viele. Daher gehe ich den Schritt, das Thema Adipositas auch auf meinem Blog zu thematisieren. Das ist sehr schwer für mich, weil ich mich wie gesagt dafür schäme und es mich auf eine ganz andere Art und Weise angreifbar macht. Bei all meinen Diskriminierungserfahrungen entfallen emotional geschätzt 85% auf das Übergewicht, 10% auf mein Frausein und 5% auf meinen Diabetes.

Foto: KMT

Ich habe Übergewicht!

Zuerst war meine Überschrift „Ich bin dick!“ Ja, das bin ich. Aber ich bin auch ein unfassbar kreativer Mensch, ich bin hilfsbereit, ich bin humorvoll, ich bin begeisterungsfähig, ich bin so viel mehr als nur dick. Ich habe ein Problem, aber es macht nicht aus, wer ich bin. Es prägt mich – ohne Frage. Es beeinfluss, wie Menschen mit mir umgehen. Mein Übergewicht, ist ein Teil von mir, an dem ich nun wieder arbeiten möchte. Aber es hat nie meine Persönlichkeit ausgemacht. Ich möchte mich aber mit anderen austauschen und auch ein Bewusstsein dafür schaffen, dass adipöse Menschen nicht dumm, faul und undiszipliniert sind. Wir sind Menschen, die aus sehr unterschiedlichen Gründen zu viel wiegen. Wir sind Menschen, die auf ihr Gewicht reduziert werden und deswegen Diskriminierung erfahren. Insbesondere die Diskriminierung durch Ärzt:innen ist dabei gefährlich. Wir sind Menschen, die an sich arbeiten, die immer wieder stärke beweisen, obwohl wir mir einer Last durch das Leben gehen. Wir sind Menschen.


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