Teil 1: Diabetes und der weibliche Körper

Blue November-Reihe: Diabetes und Frauen

Einführung

Teil 1: Diabetes und der weibliche Körper

Teil 2: Die gynäkologische Vorsorge bei Diabetes

Teil 3: Der weibliche Zyklus oder die Diabetes-Achterbahnfahrt

Teil 4: PCO und Diabetes – eine besondere Verbindung

Teil 5: Diabetes und Verhütung

Diabetes und der weibliche Körper

Es ist plump, schon zu naheliegend: Diabetes ist eine Stoffwechselstörung und Insulin ein Hormon. Damit ist diese Erkrankung samt fehlendem Hormon ein empfindlicher Störmoment in jedem Körper. Leider können wir trotz modernster Technik und sogar der Closed Loop-Systeme nicht haargenau das hormonelle Gleichgewicht herstellen, dass das Wunderwerk menschlicher Körper sonst vollbringt. Wenn man es also dramatisch ausdrücken möchte, leben Frauen mit Diabetes kontinuierlich mit einem gestörten Hormonhaushalt. Das stellt Frauen mit Diabetes vor besondere Herausforderungen. Die Schwankungen des weiblichen Zyklus sind viel heftiger als die des Männlichen (japp, auch Männer haben so etwas).

„Gynäko-Diabetologie“

Daraus ergeben sich für Frauen mit Diabetes natürlich Probleme und Besonderheiten. Eigentlich würde man schon hier sagen, dass eine fokussiertere Behandlung von Menschen mit Diabetes in Bezug auf ihr biologisches Geschlecht erfolgen muss. Aber diesen Bereich gibt es so gar nicht – obwohl es alle Patient:innen betrifft. Mediziner:innen sind bisher noch nicht wirklich auf die Idee gekommen, das biologische Geschlecht zu einem wichtigen Faktor in der Behandlung zu machen. Also müssen Patient:innen selber einen Blick darauf haben. Aber hier sind die Wissenslücken ebenfalls groß. Die Diabetologie ist nicht der einzige medizinische Bereich, in dem ein Blick auf das biologische Geschlecht von Patient:innen notwendig wäre. Seit jeher werden zum Beispiel Medikamentenstudien eher mit männlichen Probanden durchgeführt. Sogar bei Tierversuchen konzentriert man sich auf männliche Mäuse. Grund hierfür? Studien an Frauen sind viel komplizierter und damit auch teurer. Fatal, da manche Medikamente bei Frauen durch Enzyme, Hormone und Zyklus ganz anders wirken. Das beginnt schon bei unseren Haushaltsmedikament gegen Kopfschmerzen.

Das biologische Geschlecht matters

Was ist also, wenn bei biologischen Frauen auch Insulin oder orale Anti-Diabetika komplett anders wirken? Schließlich greifen wir in unseren Hormonhaushalt ein. Studien oder verlässliche Quellen konnte ich hier nicht finden. Daher kann ich hier keinerlei Aussagen darüber machen, ob es Wirkunterschiede gibt. Jede Frau wird aber nun aus ihrem Erfahrungswissen heraus sagen: Klar! Merke ich jeden Monat, wenn ich meine Periode bekomme!

An dieser Stelle möchte ich ein YouTube-Video empfehlen, auch wenn Jan Böhmermann streitbar ist und seine Polemik gegen meine Vorstellung von Wissensvermittlung und Aufklärung steht, hat er die wichtigsten Punkte zu dem Thema, wie Medikamente bei Frauen grundlegend anders wirken können, zusammengefasst.

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Wissen wird zu einer guten Entscheidung

Je mehr man über den eigenen Körper weiß und ihn versteht, umso besser kann man auch mit Diabetes oder anderen Erkrankungen umgehen. Wissen ermöglicht es jeder Frau mit Diabetes (aber auch ohne) selbstbestimmte Entscheidungen in Eigenverantwortung zu treffen. Das medizinische System kann nicht alles leisten. Hier hat es leider eine Leerstelle, die von den Patient:innen selbst gefüllt werden muss (die aber eigentlich auch nicht alles leisten können). Ein Dilemma und dabei treffen wir statistisch schon etwa 180 Entscheidungen für unseren Diabetes. Generell bin ich der Meinung, dass jeder Mensch mit Diabetes sich möglichst viel Fachwissen aneignen sollte, um es dann mit dem eigenen Erfahrungswissen zu kombinieren. An dieser Stelle kann man wie so oft nur sagen: Selbst ist die Frau!

Darstellung: KMT

Oben, unten, links, rechts – wo ist was?

Ein kleiner Exkurs über die weibliche Anatomie: Je nach Statistik wissen bis zu 60% der Frauen nicht, wo sich die Harnröhrenöffnung (Urethra) befindet. Viele glauben, dass der Urin aus der Klitoris kommen würde. Dabei liegt der Ausgang zwischen Klitoris und Vaginaöffnug. Dies führt dazu, dass es Studien zur Intimhygiene gibt, die zeigen, dass Frauen sich nach dem Urinieren falsch säubern. Es wird lediglich die Klitoris abgetupft. Auch wird ein Abwischen von vorne (von der Klitoris) nach hinten (zum After) empfohlen. Damit mindert man die Gefahr, dass Bakterien aus dem Analbereich in den Vaginalbereich getragen werden. Die körpereigenen Bakterien können an der falschen Stelle leider zu Entzündungen führen. Dies gilt besonders für Frauen mit Diabetes, die statistisch anfälliger für solche Entzündungen sind. Der Bereich der Intimhygiene wird in Teil 2 dieser Reihe nochmals genauer besprochen.

Grafik: KMT

Klitoris – einzig und allein für den Spaß!

Ein weiterer schwarzer Wissensfleck sind Klitoris und G-Punkt. Eigentlich bezeichnet beides ein und dasselbe. Die Klitoris ist ein großer Schwellkörper, der sich noch weit in den Köper hineinzieht und mit der Vagina verbunden ist, diese teilweise umschließt. Das spürt man am sogenannten G-Punkt im Inneren der Vagina. Dieses kleine Wunder der Natur ist ausschließlich für das Lustempfinden und den Orgasmus erschaffen worden. Die Klitoris erfüllt keinen anderen Zweck. Sie kommt, genauso wie die Labien (das Wort ist definitiv besser als „Schamlippen“, denn schämen muss man sich da für nichts) in allen Formen und Größen daher. Unsere Körper sind so unterschiedlich und individuell. Jede Form hat seine Berechtigung, auch bei den Geschlechtsorganen. Ich bin der Meinung, dass sich jede Frau mal mit einem Spiegel genau ihre Anatomie anschauen sollte, um sich richtig kennenzulernen. Nur Mut!

Grafik:KMT

pH-Wert und Blutzuckerwert – empfindliches Gleichgewicht

Nun sind wir also im Inneren des weiblichen Körpers angelangt. Also wieder den Fokus auf Diabetes! Im Inneren unserer Vagina besteht ein empfindliches Gleichgewicht. Die sogenannte Scheidenflora ist chemisch gesehen „sauer“ und hat mit um die 4,5 einen niedrigeren pH-Wert als unsere Haut, die im Bereich von 5,5 liegt. Damit ist die Haut genau in der Mitte zwischen sauer und basisch – also chemisch ausgeglichen oder neutral. Die Scheidenflora wird durch verschiedene Bakterien bestimmt. Diese Bakterien brauchen das leicht saure Umfeld, um sich gut zu fühlen und für eine gute Scheidenflora zu sorgen. Hohe Blutzuckerwerte, insbesondere über einen längeren Zeitraum, können dieses Gleichgewicht stören und den pH-Wert der Vagina negativ beeinflussen. Das liegt unter anderem an dem Einfluss, den hohe Blutzuckerwerte auf das Immunsystem haben. Dieses ist nämlich auch dafür zuständig, dass Eindringlinge im Intimbereich abgewehrt werden können.

Pilzinfektionen, Abszesse und Hautunreinheiten

Das geschwächte Immunsystem und eine gestörte Scheidenflora können dementsprechend auch Infektionen und Entzündungen begünstigen. Darüber redet man wohl noch seltener, als über den Intimbereich an sich. Täglich kommen wir mit Keimen in Berührung, die alles Mögliche auslösen können. Das Immunsystem leistet jeden Tag unfassbares. Menschen mit Diabetes sind dabei anfällig für Pilzinfektionen. Das betrifft nicht nur Füße, sondern ebenso den Intimbereich. Zusätzlich gibt es eine Begünstigung von Abszessen und der sogenannten diabetischen Braunfärbung, die unschön, aber ungefährlich ist und zum größten Teil durch abgestorbene Hautzellen entsteht.

Mit Abszessen immer sofort zum Arzt!

Abszesse hingegen sollte man nie auf die leichte Schulter nehmen. Hohe Werte und das geschwächte Immunsystem, plus die übliche trockene Haut, die zu kleinsten Irritationen führen kann, und das verminderte Abtragen der abgestorbenen Hautzellen, Mikroverletzungen durch das Rasieren – all das begünstigt die Entstehung von Abszessen. Dabei ist der Intimbereich besonders gefährdet. Man sollte niemals versuchen einen Abszess selber zu öffnen, da dies zu einer Sepsis (Blutvergiftung) führen kann. Im Intimbereich besteht zudem die Gefahr, dass der Eiter mit allen Bakterien in Bereiche kommt, wo er so gar nicht hin sollte. Man sollte mit Abszessen immer zur Ärzt:in gehen! Wirklich immer! Mir ist aber wichtig, einmal zu sagen, dass Abszesse generell normal sind um zum menschlichen Körper dazu gehören. Scham? Vollkommen unnötig! Frauen sollten sich klar machen, dass sie durch Diabetes zudem eine höhere Anfälligkeit dafür haben und das im Blick haben. Und wirklich jeder Mensch hat Pickel, Abszesse, Furunkel!

Nervenschädigungen machen keinen Unterschied

Neuropathie und Retinopathie sind zwei Folgeerkrankungen von Diabetes, die uns nur allzu gut bekannt sind. Die erhöhte Glucose im Körper schädigt Nerven und die feinen Kapillargefäße. Aber mal im Ernst! Die Glucose denkt sich ja nicht „Och, ich konzentriere mich mal auf Füße und Augen!“ Dieser Prozess findet im ganzen Körper statt und kann dementsprechend auch auf Nerven und Gefäße im Genitalbereich negativ einwirken. Das, was sich bei Männern in einer erektilen Dysfunktion zeigt, kann auch bei Frauen zu schwindender Orgasmusfähigkeit, Durchblutungsstörungen, Missempfinden und Scheidentrockenheit führen. Erstaunlicherweise ist es mir schon oft in Fachgesprächen aufgefallen, dass da bei Frauen niemand einen Zusammenhang sieht. Googelt man dann wieder nach sexuellen Funktionsstörungen im Zusammenhang mit Diabetes, kriegt man alle männlichen Varianten erklärt. Frauen kommen so gut wie nie vor. Diabetische Folgeerkrankungen kommen aber ebenso bei ihnen vor – sind nur manchmal aufgrund des biologischen Geschlechts vollkommen anders.

Foto: KMT

Girls with Gadgets: Die weibliche Brust als Setzstelle

Kommen wir mal zu einem anderen anatomischen Bereich: Die Brust! Vorweg: Tastet regelmäßig eure eigene Brust ab. YouTube-Videos erklären, wie es geht. Das sollte eine Routine sein.

Viele Frauen mit Diabetes setzen den Katheter der Insulinpumpe oder Sensoren im Brustbereich. Ich habe das ebenfalls ausprobiert. Man muss jedoch ganz klar sagen, dass man das nicht machen sollte. Brustgewebe ist vor allem Drüsen- und Fettgewebe. Generell sollte das Insulin im Unterhautfettgewebe landen. Man kann aber nie genau sagen, wo nun welche Hautschicht liegt. Natürlich gehört das Protohormon zu unserem Körper hinzu, aber die Flüssigkeit, die wir als Insulin bezeichnen, hat viele andere Inhatsstoffe, u.a. Konservierungs- und Desinfektionsmittel, die man eigentlich nicht im Bereich des sehr empfindlichen Brustgewebes haben möchte. Außerdem kennt jeder Mensch mit Diabetes die Knubbel, die an den Katheterstellen entstehen. Das ist im Grunde schon eine temporäre Gewebsveränderung, die zwar meistens wieder verschwindet. Aber diese Knubbel könnten genauso gut zu Abszessen werden oder zu einfachen Narben. Jede Narbe stellt ebenfalls eine Veränderung im Gewebe dar, die es an dieser Stelle schwächer macht. Gleiches gilt für Sensoren, die ebenfalls minimale Narben hinterlassen können. Bei Sensoren ist vor allem die Tragedauer das, was einem dazu verleiten sollte, die Brust als Setzstelle nicht zu nutzen.

Ausblick: Gynägologische Vorsorge

Solche Fragen sollte man aber immer mit der Gynäkolog:in besprechen. Genau wie die Diabetolog:in sollte man hier eine Ärzt:in finden, der man vertrauen kann. Im zweiten Teil meiner Reihe werde ich genauer auf die gynäkologische Vorsorge eingehen.

Ich freue mich auf den Austausch, der über die Kommentare auch anonym erfolgen kann. Fangt an über eure Erfahrungen zu sprechen, damit wir dieses Wissen weitergeben können. Niemand ist mit einem Problem alleine!


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