Nimm Ab! Rezept gegen Fett!

Ich möchte behaupten, dass in jedem Content- und Redaktionsplan in Deutschland der Januar für die Themen Ernährung und Abnehmen reserviert ist. Dementsprechend sind die sozialen Medien aktuell mit entsprechenden Postings geflutet. Grundsätzlich habe ich da auch nichts gegen. Ich denke nicht, dass jemand seine Inhalte in den sozialen Medien ändern muss, nur weil sie ausgerechnet mir nicht zusagen. Ich bin dann eben nicht die Zielgruppe. Aber dennoch lösen die ganzen Postings etwas in mir aus und regen Gedanken an. Aber nicht so, wie es diejenigen, die solche Abnehm- und Sportpostings verfassen, möchten. Mir wird einmal mehr bewusst, wie schwierig das vorherrschende Bild ist, wie die Gesellschaft über Körper wie meinem urteilt. Ich sehe schwierige Formulierungen. Aber vor allem sehe ich medizinisch und gesundheitlich bedenkliche Postings.

Meine Social-Media-Bubble

Es ist außerdem auffällig, dass diese Inhalte von Seiten kommen, denen ich nicht folge. Seiten, die über Hashtags kommen, die eigentlich nichts mit Sport, Ernährung und Abnehmen zu tun haben. Das heißt, Seiten verwenden absichtlich Hashtags, um Menschen zu erreichen, die nicht den Hashtags zum eigentlichen Thema nutzen. Ich folge absichtlich nicht solchen Hashtags, um mich eigentlich zu schützen. Auch nutze ich fleißig die Funktion, dass ich angebe, dass mir Inhalte nicht angezeigt werden sollen. Schlussendlich blockiere ich Profile. Dass ist das, was ich machen kann, was auch meine Aufgabe ist. Ich glaube fest daran, dass nicht andere sich ändern müssen, sondern, dass ich mich vor dem Schützen muss, was mir nicht guttut. Als ich dann aber einen gesponsorten Beitrag zu einem Hörbuch sah, dass erklären möchte, wie man per Hypnose ein Magenband „bastelt“, war ich nicht mehr so geduldig und diplomatisch.

Verschiedene Postings aus Januar 2022 zum Thema Abnehmen
(Foto: KMT)

Januar! Beginne neu! Sofort!

Jedes Jahr im Januar nehmen sich Menschen gute Vorsätze vor und schmieden große Pläne. Weil man das eben so macht. Firmen nutzen diese Tradition für sich und schalten dementsprechend Werbung. Das betrifft dann vor allem Produkte im Diät- oder Fitnessbereich. Ich habe kein Problem damit, wenn jemand so sein Geld verdient und man sich diese gesellschaftlichen Phänomene zu nutzen macht. Solange man Menschen nicht schadet, ist das legitim. Aber bei dem Wort „schaden“ stocke ich persönlich sehr und bin wieder beim „hypnotischen Magenband“. Mir sind zusätzlich viele weitere Dinge aufgefallen, die ich als problematisch bezeichnen möchte.

Du bist nicht gut, so wie Du bist

Obwohl ich jedes Jahr die Filterfunktionen für personalisierte Werbung in den sozialen Medien nutze, bekomme ich immer wieder und nach meinem Gefühl auch immer mehr Werbung angezeigt, die mir suggeriert, dass ich etwas an mir ändern müsse. An manchen Tagen ignoriere ich das, an manchen macht es dennoch etwas mit mir. Das verzerrte Körperbild, dass die Medien uns vermitteln, ist oft diskutiert worden. Das Fass möchte ich hier auch nicht auf machen. Aber es wird immer sehr undifferenziert in dieser Zeit kommuniziert, dass Mehrgewicht etwas Schlechtes ist. Und zwar jedes Gramm. Dass der BMI eigentlich kein Maß mehr sein dürfte, hat sich schon rumgesprochen, wird aber gekonnt in solchen Werbungen ignoriert.

Alle in einen Topf

Diese Schlagzeile kennen viele: mehr als 50% der Deutschen sind zu dick. Dass in diese Statistik dann Menschen mit einem BMI von 27 genauso reingerechnet werden, wie Menschen mit der ernstzunehmenden chronischen Erkrankung Adipositas Grad II oder III, wird nie erwähnt. Sprachlich und auch wissenschaftlich sollte hier schärfer getrennt werden (mehr Gedanken von mir zu diesem Thema findet ihr hier). Ich finde das für beide Gruppen unfassbar bedenklich, dass Menschen mit einem BMI von 27 in einem Topf mit Menschen mit einem BMI von 47 kommen. Auch der Begriff „Fatphobia“ kommt mir in den Sinn.

Der JoJo-Effekt

Ganz absurd wird es, wenn man sich Studien anschaut, die belegen, dass Menschen mit wenig Mehrgewicht, die Diäten beginnen, in Abwärtsspiralen hineingeraten und dann tatsächlich irgendwann durch den JoJo-Effekt adipös werden. Das System und die Werbung, die uns zum Abnehmen animieren möchte, befeuern das Problem also eigentlich. Zyniker mögen jetzt behaupten, dass es generell im Sinne der Unternehmen sei, dass wir gar nicht wirklich abnehmen, damit der Markt erhalten bleibt. Dem würde ich widersprechen, denn viele sind idealistisch und möchten Menschen helfen. Dabei ist das narrativ vorherrschend, dass mehr Gewicht bedeutet, dass man in irgendeiner Art und Weise hilfsbedürftig ist. Wenn jemand externes davon ausgeht, man sei hilfsbedürftig, ist das für mich manchmal sogar verletzend. Wir müssen uns davon befreien, dass jeder, den wir als mehrgewichtig empfinden, Hilfe benötigt. Außerdem ist es problematisch, wenn die Hilfe einem aufgezwungen wird. Wenn jemand nach Hilfe fragt, ist es etwas ganz anderes und in Bezug auf das Thema hier auch eine viel erfolgversprechendere Ausgangssituation.

Ärzt:innen! Macht euren Job!

Aber, diese Hilfe sollte meiner Meinung nach von Fachleuten kommen – wenn sie darum gebeten werden. Ich spreche mich immer wieder dafür als, dass Adipositas als chronische und sehr komplexe Erkrankung verstanden wird. Dementsprechend ist es für mich logisch, dass Ärzt:innen hier die richtigen Ansprechpartner:innen sind. Ich musste aber in den letzten 30 Jahren feststellen, dass man hier gegen Wände läuft. Es gibt keine Ärzt:in in meinem Leben, die nicht mein Gewicht thematisiert hat. Mittlerweile ist es manchmal aber sehr gut formuliert. Hier tut sich was. Aber der Großteil der Erfahrungen war negativ. Die direkte Aufforderung, dass ich abnehmen soll, kam unzählige Male. Wenn man dann aber sagt „Okay, ich möchte auch abnehmen, benötige aber Hilfe“ gibt es kein konkretes Angebot. Man ist das theoretisch gezwungen auf die bedenklichen Angebote, die man in der Werbung vorgeführt bekommt, zurückzugreifen. Viele machen das dann auch und fügen sich meist mehr schaden zu, als dass es hilft. Und der nächste Arztbesuch beginnt dann mit der Feststellung, dass man wieder zugenommen hat oder sogar eine Erkrankung durch die falsche Diät.

Was sollte den Takt angeben?

Bei dem Schaden, den solche Diäten zufügen, könnte ich eine lange, sehr persönliche Liste ausrollen. Die mit meinem 8. Lebensjahr und der „Hollywood-Diät“ beginnt. Tagelang soll man nur Ananas essen. Das führt zu Reizungen und leichten Verätzungen im Mund. Meine neuste Errungenschaft ist die Entfernung der Gallenblase. Hier gab es mehrere Faktoren, die zu Gallenkoliken führten. Einer davon ist aber eine jahrelange Low-Carb-Ernährung, die weiterhin sehr hoch im Kurs steht bei der aktuellen Werbephase und die auch in der Diabetes-Community der unangefochtene Renner ist. Und es ist nicht abzustreiten, dass es eine gute Ernährungsweise ist, um den Blutzucker zu kontrollieren, Insulin zu regulieren. Aber die Low-Carb-Ernährung passt nicht zu jedem Menschen.

-Low-Carb-Ernährung ist keine Universallösung.
(Foto: canva.com)

Welche Ernährungsweise passt zu meinem Körper, meinem Leben und mir?

All die Produkte und die ganze Werbung über Ernährung, Diäten und Sport thematisieren nie, für wen dieses oder jenes geeignet wäre. Auch Ärzt:innen greifen hier nicht ein und beraten. Es ist absurd, dass diesbezüglich nicht Fragen die entsprechenden Fragen gestellt werden. Wenn man seine Ernährungsweise ändern möchte (und ich schreibe hier absichtlich nicht Diät), gilt es eigentlich ein paar Fragen zu klären. Die einfachste: wo liegt das persönliche Kaloriendefizit. Dann sollte geschaut werden, wie die Nieren aufgestellt sind, der Fettstoffwechsel, Neigung/Vorliegen einer Insulinresistenz, auf welche Lebensmittel man emotional nicht verzichten sollte und und und. Es ist wahnsinnig komplex und schwierig die richtige Ernährungsweise für den Körper zu finden.

Es ist dumm immer das gleiche zu tun und auf ein anderes Ergebnis zu hoffen

Leider zahlen Krankenkassen aber nur – wenn überhaupt – anteilig eine Ernährungsberatung. Da auch Krankenkassen problematische Werbungen gegen Adipositas schalten, kommt in mir oft der unsachliche Gedanke auf, dass die Kosten für einen Werbespot rund 100 Ernährungsberatungen hätten sein können. Die vermutlich mehr erreicht hätten. Stattdessen werden bald die Werbeideen für Januar 2023 besprochen. Jedes Jahr wird immer dasselbe gemacht und dennoch wird das Problem statistisch immer größer. Warum kommt niemand auf die Idee, die Strategie zu ändern?


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