Messtechniken

Dexcom G5 vs. Eversense XL

Ein Gastbeitrag von Lars

Ich freue mich einen Gastbeitrag auf Diapolitan veröffentlichen zu dürfen. Bevor ich auf den Vergleich des Eversense XL mit dem Dexcom G5 eingehe, stelle ich mich kurz vor. Mein Name ist Lars Lueneberg, ich bin 28 Jahre alt und Maschinenbauingenieur im Ruhrgebiet. Die Diagnose Diabetes habe ich 2010 bekommen, seit 2011 trage ich eine Insulinpumpe. Zunächst die Accu-Chek Spirit Combo und seit Anfang 2017 die MiniMed 640G von Medtronic. Im Rahmen einer Pilotstudie von Roche kam ich Ende 2016 als einer der Ersten in den Besitz des Eversense CGM Systems der Firma Senseonics und trage es seitdem durchgehend (mehr dazu hier). Aktuell trage ich einen Sensor des XL Systems mit einer Laufzeit von bis zu 180 Tagen. Ich habe von der Firma Dexcom die Möglichkeit bekommen, das Dexcom G5 System zu testen und habe einige Wochen lang beide Systeme parallel getragen und teile euch nachfolgend meine Erfahrungen und gewonnenen Erkenntnisse mit.

Abbildung 1: Eversense XL (links) vs. Dexcom G5 (rechts) (Foto: Lars)

Eversense XL – Die Fakten und ein kleiner Einschnitt

Zunächst ein paar grundlegende Informationen zu den Systemen und zu meinem Vergleich. Das Eversense System besteht aus einem Sensor, der mit einem kleinen Schnitt unter der Haut platziert wird, einem Transmitter, der von außen über dem Sensor mit einem Pflaster fixiert wird und es wird ein Smartphone als Empfänger der Daten benötigt. In meinem Fall ist das ein Samsung Galaxy S8. Die ersten Sensoren blieben für bis zu 90 Tage unter der Haut, die aktuelle Generation soll bis zu 180 Tage Messwerte liefern. Der Wechsel kann nur von einem qualifizierten Arzt durchgeführt werden. In meinem Fall hat das Herr Dr. Hansjörg Mühlen vom Diabetologikum Duisburg hervorragend erledigt (zur Praxis geht es hier entlang). Beim Eversense wird mittels Fluoreszenz der Gewebeblutzucker bestimmt, was es von den anderen Systemen unterscheidet.

Dexcom G5 – Die Fakten

Das Dexcom G5 System besteht aus einem Sensor mit Faden und einem Transmitter. Diese beiden sind für die Tragedauer von sieben Tagen fest miteinander verbunden. Das Setzen geschieht ähnlich wie das Setzen eines Katheters. Der Sensorfaden wird mit einer Nadel unter der Haut platziert, anschließend wird die Nadel herausgezogen und der Transmitter in den Sensor eingeclipst. Als Empfänger diente in meinem Fall ebenfalls mein Smartphone, ich hätte zusätzlich noch einen Empfänger von Dexcom nutzen können, der war aber für mich nicht von Interesse. Dexcom hat mir zusätzlich noch eine Smartwatch mit AndroidWear für die Testdauer zur Verfügung gestellt, worauf die Werte ebenfalls angezeigt wurden.

Der Test

Mich hat vor allem interessiert, wie groß ist die Abweichung zwischen den Systemen? Dazu habe ich eine Tabelle erstellt, in der ich eine Zeit lang die Messwerte zum Zeitpunkt der Kalibrierung dokumentiert und ausgewertet habe. Außerdem habe ich den Alltag mit den beiden Systemen verglichen. Meine Fragen waren vor allem: Löst sich das Pflaster des Dexcoms frühzeitig? Kann mich der Dexcom trotz fehlender Vibrations-Funktion warnen? Werde ich mir die Werte auf der Uhr anschauen?

Meine Entscheidung für das Eversense-System

Meine Entscheidungsgründe für das Eversense waren damals, dass ich mit diesem System für Monate meine Ruhe habe und keine Angst haben muss, dass sich das Pflaster löst. Es wird jeden Tag ein neues aufgeklebt, es sieht also auch nie fransig oder unsauber aus. Ich muss es auch nicht mit Tape verstärken. Und selbst wenn der Transmitter sich doch einmal lösen sollte, kann ich einfach ein neues Pflaster nehmen und ihn wieder ankleben.

Eversense – nichts für die Ewigkeit

Es war für mich aber von Beginn an klar, dass ich dieses System in der aktuellen Form nicht über viele Jahre tragen möchte. Es sind zwar nur kleine Schnitte zum Setzen und entfernen, trotzdem hinterlassen diese aber sichtbare Narben. Diese verblassen mit der Zeit zwar mehr und mehr, es kommen aber auch immer neue hinzu. Der 180 Tage Sensor ist für mich ein Schritt in die richtige Richtung, die Tragedauer sollte aber noch weiter erhöht werden.

Der dritte CGM-Konkurrent: Enlite

Anfang dieses Jahres begann ich mich also aktiv umzuschauen, welche Alternativen es für mich gibt. Eigentlich würde das Enlite-System von Medtronic in Verbindung mit meiner Pumpe gut funktionieren. Ich bin aber nicht sonderlich begeistert von der Idee meine Pumpe noch öfters aus der Tasche zu holen, da vermisse ich meine alte Combo mit ihrer Fernbedienung. Auch die Versorgungspolitik von Medtronic hat gegen das System gesprochen. Den Dexcom habe ich bereits während der Diabetestreffen der Ruhrpott Gruppe bei einigen Teilnehmern begutachten können. Der erste Eindruck war positiv, weshalb ich mich für diesen Test entschieden habe.

Messwerte und Kalibrieren

Im nachfolgenden Abschnitt gehe ich auf die Messdaten der Systeme ein. „Gefühlt“ waren meine Werte des Eversense in der Vergangenheit relativ genau. Ich wollte es bei diesem Vergleich aber genau wissen und habe bei insgesamt 74 Kalibrierungen die blutigen Werte (Contour Next Link 2.4) und jeweils die Werte vom Dexcom und Eversense notiert und anschließend miteinander verglichen. Der blutige Wert diente hierbei jeweils als Referenz (auch wenn dieser wie alle Systeme eine Standardabweichung hat). Dabei hat sich gemittelt eine prozentuale Abweichung von 11 % für das Dexcom und 14 % für das Eversense ergeben (Abbildung 2).

Abbildung 2: Messwerte Blut, Dexcom und Eversense im Vergleich (Foto: Lars)

In Verbindung mit der Kalibrierung erwähne ich an dieser Stelle die offensichtlichen Unterschiede in den hinterlegten Alogrithmen. Der Dexcom fragt regelmäßig nach einer Kalibrierung, bekommt es diese nicht, läuft es trotzdem weiter. Beim Eversense ist das anders, wenn die Kalibrierung ignoriert wird, werden nach einer Zeit keine Werte mehr angezeigt. Ein weiterer Unterschied ist, dass das Eversense bei hohen Abweichungen die Kalibrierung nach einer Stunde wiederholt. Werden vier Mal in Folge unplausible Werte eingegeben, wird das System automatisch resettet und es muss wieder mit den vier Startkalibrierungen zum Leben erweckt werden. Bei stark steigendem oder sinkenden Blutzucker wird vom Eversense die Kalibrierung nicht akzeptiert. Beim Dexcom ist es egal, zu welchem Zeitpunkt der Wert eingegeben wird. Aber auch hier wird bei starken Abweichungen vom Dexcom nach etwa 15 Minuten ein weiterer Wert verlangt. Stimmen die beiden blutigen Werte überein, korrigiert sich der Dexcom und gleicht sich den eingegebenen Blutzuckerwerten an.

Wenn sich der Blutzuckerspiegel schnell verändert hat, war das Dexcom mit der Anzeige der Werte meist fünf bis zehn Minuten schneller als der Eversense. So können z.B. Unterzuckerungen schneller gemeldet werden.

Abbildung 3: Angezeigte Werte im Vergleich (Foto Lars)

Eversense hinterlässt bleibende Spuren: Narben!

Das wohl größte Thema beim Eversense ist das Setzen und Entfernen des Sensors. Für mich ist das Setzen oder Entfernen überhaupt kein Problem. Ich verstehe mich super mit meinem Arzt und meist würden wir uns gerne noch länger unterhalten, aber da ist der Sensorwechsel dann schon erledigt. Was mich persönlich jedoch schon stört sind die zurückbleibenden Narben (Abbildung 4).

Abbildung 4: Narben vom Setzen und Entfernen des Eversense (Foto: Lars)

Hungriger Eversense-Transmitter

Der Transmitter muss täglich (bzw. spätestens nach 36 Std.) geladen werden. Das ist nicht unbedingt negativ, eine etwas größere Akkukapazität ist jedoch wünschenswert. Ich habe den Ladeprozess in meinen Tagesablauf integriert und lade ihn meist während ich morgens dusche. Danach kommt er dann mit einem neuen Pflaster wieder an den Arm und sieht sehr ansehnlich aus. Der tägliche Pflasterwechsel gefällt mir richtig gut. Die Form des Transmitters ist auch sehr gelungen. Er ist zwar von der Grundfläche her etwas größer, hat dafür aber abgeflachte und abgerundete Kanten und ist mit 9 mm auch ziemlich flach. Im direkten Vergleich zum Dexcom ist der Eversense-Transmitter deutlich angenehmer zu tragen. Er fällt unter dem T-Shirt fast gar nicht und unter dem Hemd gar nicht auf.

Lichtscheuer Eversense

Im Sommer etwas negativ fallen die Fehlermeldungen bezüglich zu intensivem Umgebungslicht und zu hoher Transmittertemperatur auf. Für mich sollte ein CGM System immer laufen, egal unter welchen Bedingungen. Die Meldung aufgrund des hohen Umgebungslichts trat leider vereinzelt auch auf, obwohl ein T-Shirt drüber war.

App und Kompatibilität des Eversense

Wirklich negativ aufgefallen ist mir die Android Kompatibilität. Man merkt, dass Senseonics, der eigentliche Hersteller es Systems, ein amerikanisches Unternehmen ist und der Fokus sehr stark auf Apple-Geräten liegt. In Deutschland ist Roche der Ansprechpartner. Dort wird einem zwar versprochen, dass sie die Wünsche weitergeben, bzw. da etwas „in Planung“ ist, für mich dauert das aber einfach viel, viel zu lange. Es gibt keine offizielle Möglichkeit sich die Werte auf einem Android Wear Gerät anzeigen zu lassen. Auch gibt es kein Widget für Android oder die Möglichkeit sich den Wert im Sperrbildschirm anzeigen zu lassen. Jedes Mal muss das Handy entsperrt und die App geöffnet werden.

Die App selber gewinnt auch keinen Design-Preis, eine Tagebuchfunktion ist zwar prinzipiell vorhanden, für mich aber so schlecht umgesetzt, dass ich sie nie genutzt habe. Positiv ist, dass ich mir die Werte der vergangenen Wochen und Monate in der App ansehen kann. Die Möglichkeit besteht auch online, ist dort aber auch nur mittelmäßig gut umgesetzt. Wie es besser geht, zeigt Dexcom mit seiner Clarity Seite.

Warnung durch das Eversense-System

Ein positiver Aspekt des Systems ist die Vibrationsfunktion des Transmitters. Die Alarme dort können relativ frei eingestellt werden, ich habe mich für Warnungen bei Werten unter 75 mg/dl und über 250 mg/dl entschieden, jeweils mit einer Totzeit von 30 Minuten. Anhand der Vibration kann ich erkennen, ob es sich um einen zu hohen oder zu niedrigen Wert handelt. Die Vibration ist eine sehr diskrete Warnung, für mich persönlich im Tagesablauf ideal. Zudem vibriert der Transmitter auch, wenn das Handy nicht in der Nähe ist. Das ist sehr praktisch beim Sport oder auch beim Motorrad fahren. Egal wie dick meine Schutzkleidung ist, die Vibration auf der Haut merke ich. Von einem vibrierenden oder klingelnden Handy bekomme ich auf dem Motorrad jedoch nichts mit. Klarer Vorteil also für das Eversense.

Dexcom warnt anders

Verwöhnt von der Alarmfunktion des Eversense hatte es die Alarmfunktion des Dexcoms ganz schön schwer. Die Warnungen habe ich identisch zum Eversense eingestellt und war gespannt. Ich habe die Warnungen am Handy so eingestellt, dass das Handy zunächst nur vibriert. Das tut es übrigens auch, wenn es in einem Modus ist, bei dem die Vibration deaktiviert ist. Das hat mich zu Beginn sehr irritiert und auch genervt. Auf der anderen Seite ist es aber verständlich, irgendwie muss ich ja gewarnt werden. In einem Meeting, wo das Handy auf dem Tisch liegt ist dies jedoch sicher nicht so optimal. Viel besser hat mir dagegen gefallen, dass die Warnungen auch auf die Smartwatch übertragen wurden. Dort sind sie dann halbwegs diskret, mein Modell hat ziemlich laut vibriert. An der Smartwatch kann der Alarm auch sofort weggedrückt werden, damit er nicht fünf Minuten später wieder aktiv wird. Nachts habe ich die Warnungen vom Dexcom deutlich besser wahrgenommen als die des Eversense. Sehr gestört haben mich die Alarme vom Signalverlust. Wenn ich also mein Handy im Büro liegen lasse und mich vom Schreibtisch entferne, hat das Handy natürlich kein Signal. Nach einer Zeit fängt es dann an sich bemerkbar zu machen. Das ist für mich alles andere als optimal und dafür muss ich unbedingt eine Lösung finden.

Abbildung 5: Die Werte des Dexcom auf einer Smartwatch (Foto: Lars)

Verbesserungsbedarf bei Dexcom-App

Der Transmitter speichert nur Werte für drei Stunden, das ist mir zu wenig. Beim Eversense werden die Werte von zig Tagen und Wochen gespeichert, hier kann Dexcom also noch nachbessern. Wo wir auch schon zum nächsten Punkt kommen, der App. Hier spielen die 3 Stunden wieder eine große Rolle. Es ist nicht möglich in der App zurück zu scrollen und sich beispielsweise seine Kurve der letzten Nacht anzuschauen. Das hat mich sehr gestört. Wenn man die App ins Querformat dreht, wird einem ein etwas größeren Bereich angezeigt (bis zu 24 h). Insgesamt ist es aber keine zufriedenstellende Lösung. Mit Clarity hat Dexcom eine sehr schöne Software mit übersichtlicher Oberfläche, die über einen Browser zu bedienen ist und für die es mittlerweile auch eine App gibt.

Durchhaltevermögen des Dexcom-Sensors

Die Haltbarkeit des Dexcoms hat mich positiv überrascht. Die ersten beiden Sensoren habe ich am Bauch getragen und habe sie mir dort auch selbst gesetzt. Danach habe ich zum Arm gewechselt. Das Setzen dort hat dann meine Freundin übernommen. Nach einer kurzen Einweisung war das völlig problemlos und auch ohne Schmerzen möglich. Am Arm haben die Sensoren besser als am Bauch gehalten, sie haben alle länger als die angegebenen sieben Tage durchgehalten.

Abbildung 6: Das Dexcom Pflaster am Ende seiner Tragedauer. Etwas mitgenommen, es hält aber noch. Daneben sieht der Eversense sauberer aus. (Foto: Lars)

 

Fazit – zwei Gewinner

Ich habe das Glück, dass ich zwei großartige Systeme miteinander vergleichen durfte. Letztendlich bieten sie beide einige Vor- und Nachteile. Das Eversense hat mit der Vibrationsfunktion ein sehr tolles Alleinstellungsmerkmal. Mich stören mit der Zeit jedoch die Narben leider immer mehr, weshalb ich mich nach einem anderen System umgeschaut habe. In dem Dexcom sehe ich für mich eine sehr gute Alternative, die ohne das Verursachen von Narben auskommt. Zudem sehe ich hier den Vorteil, dass das System mehr Möglichkeiten in der Vernetzung bietet.

Abschließend betrachte ich nochmal meine zu Anfang erwähnten Fragen.

Die Abweichung zwischen den Systemen ist erstaunlich gering, sie liefern beide sehr genaue Werte. Ich hatte zu Beginn vermutet, dass die Werte des Eversense „genauer“ sind, nach meinen Untersuchungen ist jedoch das Dexcom etwas genauer.

Das Pflaster ist ein Problembereich des Dexcoms, jedoch bei weitem nicht so problematisch, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es hat erstaunlich gut (ohne zusätzliche Fixierung) gehalten. Die Warnungen des Dexcoms haben mich zum Teil überzeugt, jedoch kommen sie insgesamt betrachtet nicht an den vibrierenden Transmitter des Eversense heran. Und zum Schluss ein großes Plus für mich als Technik-Interessierten, die Werte auf der Uhr ablesen zu können ist einfach ein Traum.

 

Am Ende dieses Beitrags spreche ich ein großes Dankeschön an die Firma Dexcom aus, die mir das System bereitgestellt hat und ein noch größeres Danke geht an Kathy, die auf die Idee mit dem Gastbeitrag gekommen ist und den Kontakt mit Dexcom hergestellt hat.

 

*Dieser Beitrag entstand in freundlicher Zusammenarbeit mit Dexcom, die Lars unentgeltlich eine Smartwatch, Sensoren und einen Transmitter zur Verfügung stellten. Der Inhalt dieses Blogartikels fasst seine persönlichen Erfahrungen sowie seine eigene Meinung zusammen und wurde von keinem Vertreter der im Artikel genannten Firmen beeinflusst. Das Eversense XL-System ist das von der Krankenkasse übernommene CGM-System, welches Lars als Patient nutzt.

 

Wer mehr über die Systeme erfahren möchte, findet hier weitere Artikel:

https://www.mein-buntes-leben.de/interview/lars-lueneberg-erfahrungen-mit-eversense-cgm-system

https://www.mein-buntes-leben.de/artikel/halbmarathon-mit-dem-eversense-cgm-system

https://www.pumpencafe.de/news-details/items/Geht_unter_die_Haut_Eversense.html

https://www.roche.de/medien/meldungen/Auf-dem-Weg-zu-einer-neuen-Diabetesversorgung-Alle-1-4527.html

https://www.diabetologie-online.de/a/digitalisierung-in-der-diabetologie-vernetzung-bringt-zeit-fuer-aerzte-und-patienten-1829912

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